Dynamiken und Erfahrungen der Globalisierung

Verantwortlich : Leyla Dakhli , Antonios Kalatzis

Mitarbeit : Petra Beck , Serge Reubi

Ziel des Forschungsschwerpunkts ist es, Phänomene des „Globalen“ in der Geschichte und Gegenwart zu identifizieren und untersuchen. Dabei gilt es sowohl die vielfältigen und komplexen Prozesse der globalen Vernetzung und Zirkulation zu betrachten als auch ihre Bedeutung als Maßstab von Erfahrungen und Begriffen zu hinterfragen, der Lebensformen, Theorien und epistemische Objekte beeinflusst.
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Der Forschungsschwerpunkt «Weltwissen und Erfahrungen des Globalen» beabsichtigt, die theoretischen und praktischen Grundlagen unserer Denknormen kritisch zu hinterfragen, und auf dieser Grundlage einen kritischen Begriffsapparat aufzubauen. Ziel ist es, das „Globale“ als Maßstab der Analyse und des Lebens ernstzunehmen, und zu verstehen, wie dieser Maßstab Lebensformen und damit Theorien und epistemische Objekte beeinflusst. Die ForscherInnen des Forschungsschwerpunkts entwickeln eine gemeinsame theoretische und begriffliche Basis und experimentieren mit einer neuen Epistemologie, die es sich zur Aufgabe macht, gemeinsam die empirischen Forschungsfelder und ihren Artikulationen im Globalen nachzuvollziehen, verstanden als eine neue Normativität, die dabei augenscheinlich wird.

Im Rahmen dieses epistemischen Ansatzes, bei dem WissenschaftlerInnen aus den Geistes- und den Sozialwissenschaften (SoziologInnen, PhilosophInnen, AnthropologInnen, HistorikerInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen usw.) zusammenarbeiten, wird stets an zwei Reflexionsebenen festgehalten: Zum einen an dem Nachdenken über die Möglichkeiten und Bedingungen des Verständnisses einer neuen Normativität Kritik am Begriff des Universalismus selbst, und zum anderen an den erkenntnistheoretischen Fragen, die mit diesem Verständnis des Globalen zusammenhängen.

Es handelt sich dabei um den Versuch, herauszufinden, ob sich das Streben nach Universalität von dem kritischen Ballast befreien lässt, die es an seine Europäität und folglich an seine imperialistische und kolonialistische Konstitution bindet. Die neuen Normativitäten, die wir definieren, werden aus zwei Blickwinkeln betrachtet: theoretisch (im epistemologischem methodologischen und philosophischen Sinn) und praktisch (im politischen, historischen und ästhetischen Sinn), und dabei systematisch um den Mittelmeerraum herum angeordnet.

1/ Neue Normativitäten und Weltwissen des Globalen

Der erste Ansatz befasst sich mit der Frage einer neuen Normativität aus theoretischer Perspektive, und umfasst epistemologische, methodologische und philosophische Fragen.

Die wissenschaftliche Aneignung der Welt wurde seit der Aufklärung in Richtung eines Weltwissens betrieben, das in verschiedenen enzyklopädischen Projekten zusammengetragen wurde und parallel einherging mit der Inbesitznahme der Natur und eines Großteils der Welt, durch die Entwicklung von Industrialisierung und Kapitalismus. Die enge Verwandtschaft dieser beiden Aspekte ist unstrittig und darf heute nicht wieder in Frage gestellt werden, wenn über „Weltwissen“ in der Gegenwart systematisch reflektiert wird.

Diese Kritik am Universalanspruch europäischer Normativität, zusammen mit der Kritik an dem diesbezüglich herrschenden Wissenschaftsparadigma bestimmt das erkenntnistheoretische Forschungsfeld.

Jenseits dieser Kritik an den impliziten Voraussetzungen und unhinterfragten Mythen, die unserem Wissen und unseren Wissenspraktiken zugrundeliegen, will der Forschungsschwerpunkt nicht nur die Grundannahmen dieser Wissenspraktiken besser verstehen, sondern über dieses Verständnis hinaus, über Umstrukturierungen nachdenken, die diese Wissensproduktion beeinflussen können, und die notwendig wären, um sie entsprechend neuzuorientieren und zu vertiefen.

2/ Neue Normativitäten und Erfahrungen des Globalen

Der zweite Ansatz des Forschungsschwerpunkts widmet sich der Ebene individueller und kollektiver Praxis, in dem sehr konkreten und materiellen Sinn der Verkörperung von Erfahrung in sozialen Akteuren und Kollektiven. Hier wird Erfahrung im Sinne von praktischem Wissen über und in der Welt verstanden. In diesem zweiten Schwerpunkt geht es um Untersuchungen zu Sprachlichkeit, Narration, Repräsentation sowie zu Materialität, Umwelt, und Akteuren und Praktiken des Globalen.

Forschungsvorhaben hier behandeln unter anderem die verschiedenen Facetten des empirischen Begriffs und der konkreten Wirklichkeit der/s Weltbürgerin/s und von Global Citizenship im Kontext politischer und kultureller Erfahrungen im Mittelmeerraum und ganz allgemein im globalen Süden und an Orten, die nicht zum Zentrum der sogenannten „Globalisierungsprozesse“ gehören.

Ein Hauptanliegen besteht in diesem zweiten Forschungsschwerpunkt dabei in der Fokussierung auf das Intime, das Emotionale und eine Annäherung durch den Körper der Akteure.

3/ Das Mittelmeer als Fallstudie

Der Mittelmeerraum ist im Rahmen dieses Schwerpunkts ein lohnendes und bei weitem noch nicht hinreichend erforschtes Terrain für eine Untersuchung dessen, was wir unter »Global« verstehen.  Diesem Gebiet wird von den »Global Studies« keine zentrale Bedeutung beigemessen, als ein Ort, der zu den Zirkulationsvorgängen und der globalen Intensivierung allerlei Austäusche in nur indirektem Bezug steht. Nichtsdestotrotz erscheint das Mittelmeer bei näherer Betrachtung als ein Kondensationspunkt einer Reihe von Krisenerfahrungen und Phänomenen, die wiederum direkt auf diese Globalisierungsvorgänge bezogen sind und als ein Ort eines quasi organischen und facettenreichen Austausches mit Europa. Weit davon entfernt, festgeschriebene und nicht greifbare Identitäten auf den Mittelmeerraum projizieren zu wollen, oder gar mit dem Thema ähnlich wie die “Mediterranean Studies” umzugehen, wovon sich der Forschungsschwerpunkt kritisch distanzieren möchte, handelt es sich hierbei eigentlich um die Idee, die Bedeutung dieses Raums, welcher im Zentrum der “alten Welt” lag, als Forschungsgebiet für eine Reihe von (post-) globalen Phänomenen und Vorgängen zum ersten Mal systematisch zu erschließen.


An-Institut

© Centre Marc Bloch 2018 - Deutsch-Französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften, Berlin

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